Psychologie des Bewußtseins und der Aufmerksamkeit
Zur Psychotherapie der Bewußtseins- und der Aufmerksamkeits-Lenkung(sstörungen)
Zugleich AD-H-D-Forschungsbericht 2004-2
von Rudolf Sponsel, Erlangen
Einführung: Modell der Lebensströme: Ereignis-, Erlebnis- und Bewußtseinsstrom
In dieser Arbeit sollen die psychologischen terminologischen Grundlagen für eine Theorie der Bewußtseinsregulierung und der Aufmerksamkeit entwickelt werden. Zunächst seien drei Daten-Ströme unterschieden:
Abb. 01: Modell der Lebensströme nach Sponsel 1995, S. 179.

Der Ereignisstrom repräsentiere all das, was auf der Welt geschieht. Der Erlebensstrom repräsentiere all das, was sich in mir abspielt, was in meinem Körper und in meinem "Betriebssystem" Seele und Geist geschieht. Das Wenigste, was um uns herum geschieht, erleben wir auch. Und nur ein kleiner Teil von dem, was wir erleben, ist uns auch bewußt.
Einige
Grund- und Gretchtenfragen an die Bewußtseinsregulierungs- und Aufmerksamkeitstheorie
Eine sinnvolle Hypothese ist, daß Bewußtsein und Bewußtheit durch die Evolution begünstigt wurden. Begründet man biologisch, vergleicht man die Überlebenschancen von Biosystemen mit, ohne oder so oder so stark entwickeltem Bewußtsein.
Abb. 0: Modell Bewußtseinsapparat der Lenkung
nach Sponsel 1995, S. 183.
Bewußtsein und Bewußtheit ist damit eine wichtiger Faktor zur Willensfreiheit. Bewußte Wesen können innehalten und reflektieren, abwägen, abwarten und planen.
Warum und wie tritt dieses oder jenes Element in das Bewußtsein ?
Wie-Metapher. Eine einfache Zugangsmetapher besagt, daß man das Nicht- oder Unbewußte wie ein Meer auffassen kann. Dieses Meer spült nun mehr oder minder viel und schnell an den "Strand" des Bewußtseins. Einiges Angespülte verschwindet sogleich im Nichts, anderes dringt vor in das Bewußtsein und gerät sogar ins Zentrum. Wie kommt das? Wie sollen und dürfen wir uns das vorstellen? Warum dringen manche Elemente gar nicht vor, warum verschwinden manche sogleich, warum verbleiben welche am Bewußtseinsrand?
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| Hypothese: Ein Element tritt ins Bewußtsein, wenn es mit einem bestimmten Wert ausgestattet wurde. Sein Wert ist sozusagen der Schlüssel für das Schloß, das ins Bewußtsein führt. Sodann entscheidet die Bewußtseinslenkung (eine Funktion des Super-ICHs), wie lange das Element im Bewußtsein bleibt und mit welchem Supervisionsstatus es vorläufig erfaßt oder ob es abgelegt werden kann. |

Wie kann diese Hypothese bewiesen werden? Zunächst erscheint ein Existenzbeweis sinnvoll, indem gezeigt wird, daß es solche Vorgänge überhaupt gibt. Der nächste Schritt wäre, daß beliebige Vorgänge herausgegriffen werden, um zu zeigen, daß auch diese mit diesem Modell erklärt werden können.
| Existenz-Beweis: Überlegen Sie, wann und unter welchen Umständen sie das 23. mal zuvor auf der Toilette waren. Der letzte Toilettengang erhält die Ordnungszahl 1, der vorletzte die Ordnungszahl 2, usw. Prognose: Sie können das nicht rekonstruieren. Erklärung: weil es erledigt und nicht mehr wichtig ist. Einen experimentellen Beweis für das Behalten unerledigter, mithin noch wichtiger Sachen, liefern die gleichnamigen Experimente von Bluma Zeigarnik, einer Schülerin des großen Gestaltpsychologen Kurt Lewin [1, 2, ]. Wenn Sie in der Stadt unterwegs sind und plötzlich ein dringendes Bedürfnis verspüren, so wird Ihr Bewußtsein sehr erfüllt sein, von Überlegungen, wie Sie auf dem schnellsten Weg eine Toilette erreichen können. Haben Sie das geschafft, haben Sie ein eindrucksvolles Erlebnis des Gefühls der Erleichterung. |
Warum und wie kommt es, daß dieses oder jenes Element aus dem Bewußtsein verschwindet ?
Das Element verliert an Wert, im günstigen Fall dadurch, daß die Aufgabe erledigt ist. Aber vielleicht auch, weil erkannt wird, daß die Beschäftigung nicht weiter dienlich oder positiv bewertet wird. Oder das "Ablaufdatum" für die Warteschleife ist eingetreten. Es wurde von anderen, inzwischen von anderen, für wichtiger befundenen Elementen aus der Warteschleife geschoben. Werden z.B. neue Reize mit einer aktuell höheren Wertigkeit ausgestattet, können die älteren an Priorität oder Status einbüßen. Ganz allgemein kann ein Modell vertreten werden, wonach ein Element aus dem Bewußtsein verschwindet, wenn die Bewußtseinssupervision dies erlaubt oder sogar fordert:
Die Bewußtseins-Supervision
Alltagsbeispiel: Wenn Sie zum Einkaufen gehen "vergessen" Sie unterwegs
gewöhnlich, was Sie einkaufen wollen, Sie nehmen die unmittelbaren
Ereignisse wahr, denken auch an dieses oder jenes. Wenn Sie nach einer
Weile angekommen sind, fällt Ihnen plötzlich wieder ein, was
Sie alles kaufen wollten. Wie sieht ein solches System aus, wie können
wir uns das vorstellen? Nun, ein solches System sollte wie folgt funktionieren:
Achtungs-Reize (Merkmale des Zielgeschäftes) werden in der Supervision
(Supervisionsgedächtnis) abgelegt. Sie sind mit dem Gedächtnis
verbunden, die bei Erfülltsein der Achtungsbedingungen (Ankunft im
Geschäft) einen Gedächtnisabruf veranlassen (einfallen).
Die folgende Übersicht gibt Auskunft, an welchen Stellen die Supervision
scheitern oder gestört sein kann und wo sie kognitiv-therapeutisch
gefördert oder trainiert werden sollte:
Warum und wie geschieht gelenkte Bewußtseinstätigkeit ?
Für die meisten Erlebenden geschieht ihr Bewußteinserleben quasi wie von selbst. Die wenigsten erleben sich als bewußtseins-lenkend. Das hat wohl auch damit zu tun, daß man im Erleben sein Lenken schlecht mitbekommt, weil man sozusagen drinnen ist. Ja, man kann sogar sagen, daß eine bewußte Lenkung, so lange man sich im Bewußtseinsstrom befindet und erlebt, nicht oder nur eingeschränkt möglich ist. Dies wirft die spannende Frage auf, ob nicht-bewußte ("unbewußte") Lenkungsprozesse angenommen werden sollen oder gar müssen. Lenken bedeutet zwingend das Einnehmen einer Meta-Perspektive. Und das bedeutet, ich trete aus dem Bewußtseinsgeschehen heraus und betrachte es aus höherer Perspektive. Dies äußert sich z.B. auch in der Erfahrung, daß Gefühle sich leicht verflüchtigen können (auch das Gegenteil ist möglich bei Mißempfindungen oder Angst), sobald man die Aufmerksamkeit auf sie richtet, daß also die Beobachtung das Beobachtungsobjekt verändert.
Dieses Modell hat eine Entsprechung und ein Vorbild im Modell des Sehens, das eine ständige Bewegung der Augen erfordert, die der Mensch gewöhnlich aber nicht bemerkt. Ähnlich kann man sagen, Bewußtheit kommt durch eine ständige Bewegung, einem Wechsel zwischen Erleben und Reflexion des Erlebens, einem ununterbrochenen Hin und Her zwischen diesen beiden Ebenen zustande.
Unterscheidungen
der drei Grundformen der Aufmerksamkeit
freischwebend, gerichtet, gerichtet und verdichtet
= konzentriert
Im Wachzustand kann meine Aufmerksamkeit ungelenkt
und freischwebend aufmerksam sein. Ich kann meine Aufmerksamkeit auf bestimmte
Objekte, Geschehnisse oder Tätigkeiten richten und ich kann das sehr
verdichtet, alles andere abgeschirmend, d.h. sehr konzentriert tun. Das
sind drei Grundformen der Aufmerksamkeit: freischwebend, gerichtet, verdichtet
= konzentriert.
Eine andere und "höhere" Ebene ist die Einnahme
der Meta-Perspektive. Ich betrachte meine freischwebende, gerichtete oder
verdichtete Aufmerksamkeit und reflektiere sie.
Wie
ist Aufmerksamkeitsverdichtung (Konzentration) möglich und erklärbar
?
Theoretisch sind verschiedene Modelle denkbar, etwa daß die freischwebende Aufmerksamkeit trotz Konzentration erhalten bleibt. Dies widerspricht aber der Alltagserfahrung. Je mehr man sich konzentriert und einer Betätigung hingibt, desto mehr tritt das Andere in den Hintergrund, was u.a. als ein Kriterium für die Hingabe gilt. Hier scheint eine reziproke Beziehung vorzuliegen, wie es obige Illustration bildlich ausdrückt: je mehr die Aufmerksamkeit freischwebt, desto weniger gerichtete und verdichtete Aufmerksamkeit ist möglich und umgekehrt.
Psychosomatische Modelle der Aufmerksamkeit
Alles psychische Geschehen ist nicht nur an die Biologie ("Materie") gebunden, sondern kann auch unter ihrer biologischen oder neurobiologischen Repräsentation betrachtet werden. Das ist etwa dann der Fall, wenn man fragt, welche Neurotransmitter oder biologischen Vorgänge Ausdruck des Aufmerksamkeitsprozesses sind. Auch neuroanatomische Überlegungen gehören hierher. Psychosomatik im engeren Sinne betrifft das Wechselspiel biologischer und psychologischer Aktivitäten. Jede psychologische Aktivität bedeutet auch eine biologische Aktivität und umgekehrt. Das ist auch der Grund, weshalb man durch rein psychologische Methoden sein Gehirn und die Neurobiologie verändern kann, wenn auch natürlich nur begrenzt. Die Psyche und das Psychologische sind eine eigene Wirklichkeit und nicht nur ein Epiphänomen. Dies geschieht alltäglich und fortlaufend. Alles, was gemacht, erinnert, vorgestellt, phantasiert, gewollt oder erlebt wird, hat eine psychologische und eine somatische (neurobiologische, physikalische und chemische) Seite [Welten]. Während psychologische Theorien nicht unbedingt biologische, pharmakologische, medizinische oder Physik und Chemie brauchen, stimmt dies umgekehrt nicht. Wer immer die Aufmerksamkeit aus Sicht der Medizin, Pharmakologie, Chemie, Physik, Biologie, Neurowissenschaften, Kybernetik oder Technik erforschen und Aussagen machen will, kommt um psychologische Begriffe und Modelle nicht herum. Tatsächlich meinen aber die meisten Nicht-PsychologInnen, daß es psychologischer Kenntnisse nicht bedarf, um aus anderen Perspektiven psychologische Phänomene zu erforschen.
Anmerkung anfangen: Damit man anfängt, muß ein gewisses Interesse, eine gewisse Wertzuweisung, eine Auswahl erfolgen. Nicht selten gibt es bei bestimmten Störungen ein typisches Anfangsproblem. Ein Anfangsproblem kann zwei Hauptursachen haben: 1) es fehlt an Energie und Antrieb, 2) es fehlt an Lust, Interesse und Werterleben. In manchen, schwereren Depressionen können beide Hauptursachen zusammenwirken, das sich im schwersten Zustand der einer Depression in einer Art Versteinerungserleben, in einem tief empfundenen Gefühl der Gefühllosigkeit äußern kann.
Querverweis: Heilmittel-Monographie Lenken.
Störungen und Störungsmodelle der Aufmerksamkeit
Es gibt sehr viele Formen und Arten von Aufmerksamkeitsstörungen, sowohl im normalpsychologischen als auch im Störungsbereich mit Krankheitswert. Die einzelnen Aufmerksamkeitsstörungen können nach den psychologischen Aufmerksamkeitsfunktionen - wie oben ausgeführt - einfach geordnet werden:
Psychologische Funktionen
Beispiele:
Befindlichkeit. Wachheit, Müdigkeit und Abspannung können die Aufmerksamkeit sehr beeinträchtigen. In solchen Fällen sind Pausen, Erholung, Schlaf- oder (ein kleiner) Urlaub sinnvoll.
Streß, Angst, Sorgen. Hier ist die Aufmerksamkeit manchmal auf wenige Themen eingeengt oder übertrieben zuwendungsbereit, etwa bei der Hypochondrie, wenn es um körperliche Mißempfindungen geht. Streß, Angst, Sorgen, Befürchtungen wirken wie Störsender und erschweren anderes zielgerichtetes Handeln und Arbeiten.
Psychiatrische Störungen: Bei vielen Psychosen ist die Aufmerksamkeit gestört: Schizophrene Psychosen, Zyklothymien, Depressionen, (hypo-) maniforme Zustände.
Auch bei Neurologischen und psychoorganischen Syndromen, z.B. Epilepsien, kann die Aufmerksamkeit sehr beeinträchtigt sein, kann rasch wechseln, nichts kann Fuß fassen oder "kleben" und sich schwer lösen oder immer wieder zum selben Thema zurückkehren (Perseveration).
Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom Überblick
Die Therapie der Bewußtseins- und Aufmerksamkeits-Lenkungsstörungen
Hier gilt zunächst der Grundsatz, daß vorrangig die Grunderkrankung oder Hauptstörung festgestellt werden muß, weil sich nur danach die Therapie richten kann und darf. Bei einer Schizophrenie wird man zuerst die Schizophrenie behandeln, bei einer Depression eben diese wie etwa auch bei Angst- und Befürchtungsstörungen (Phobien, Hypochondrie). Erst wenn die Mittel der Behandlung der Grunderkrankung hinreichend eingesetzt sind, macht es richtigen Sinn, die psychologischen Heilmittel, Verfahren, Methoden und Techniken zu prüfen.
Sofern eine direkte Heilung, z.B. bei AD-H-D,
nicht möglich ist, muß man lernen, therapeutische Brillen zu
basteln, um entsprechend vorzubeugen, auszugleichen und zu kontrollieren
[Merk-Methoden für AD-H-D;
Kognitive
Therapie einer problemspezifischen Einstellung am Beispiel "Langeweile";
]
Literatur (Auswahl)
> Literatur zur Psychologie
des Bewusstseins.
kontrolliert: 23.05.04 irs